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Durchgelesen: Talent is Overrated

„What Really Separates World-Class Performers from Everybody Else“ von Geoff Colvin (Partnerlink, Zweite Edition)

Das Buch kaufte ich vor 4-5 Jahren von Dominik, kurz bevor er nach Berlin zog und er seine Büchersammlung auflöste, von der ich ihm einen großen Teil abnahm.

Nachdem ich das letzte Buch abgebrochen hatte, schaute ich in meinen aktuellen Lese-Stapel. Das Buch war darunter, weil ich entschied, dass es an der Zeit ist, es zu lesen – und mir stand der Sinn nach dem Thema, weil ich für mein eigenes Vorhaben gerade etwas motivations- und perspektivlos war.

An sich könnte man die Inhalte des Buches, das auch gerade knapp über 200 Seiten umfasst, in einigen Absätzen zusammenfassen.

Ich versuch’s mal!

Die Vorstellung von Talent, also dass man von Geburt an in einer Sache besonders gut ist, ist falsch. Selbst wenn es sowas wie Talent gibt, was aus evolutionärer Sicht schon schwierig zu begründen wäre, zeigt Studie um Studie, dass es ein Faktor ohne Relevanz ist.

Auch die sehr populäre 10.000 Stunden Regel ist nicht die ganze Wahrheit und ebenfalls irrelevant, wenn man Top-Performer mit den anderen aus dem jeweiligen Bereich vergleicht, in denen sehr sehr viele die Anzahl der Stunden deutlich hinter sich gelassen haben. Denn trotzdem gibt es welche, die deutlich besser sind als andere.

Dabei werden bekannte Beispiele aus diversen Bereichen gezogen, unter Anderem Tiger Woods und Mozart. Beide historisch gut in ihrem Bereich, aber bei näherer Betrachtung keine Spur von Talent und in ihren Anfängen vergleichsweise absoluter Durchschnitt. Sehr beruhigend.

Was Woods, Mozart und andere Unterscheidet, beschreibt Colvin – und viele andere mitlerweile auch – als Deliberate Practice.

Deliberate Practice, also bewusstes, wohlüberlegtes Üben, besteht aus mehreren, sehr wichtigen Elemente:

  • Sie wurde spezifisch dafür designt, die Performance zu verbessern.
  • Sie kann sehr häufig wiederholt werden.
  • Feedback ist durchgehend verfügbar.
  • Sie ist mental sehr fordernd.
  • Sie macht nicht sehr viel spaß.

Wir sind geneigt das zu tun, was wir können, weil das zu tun, was wir können, macht Spaß – bringt uns aber nicht weiter. Also müssen wir das tun, was wir nicht können, was in dem Moment keinen Spaß macht. Wir müssen also in dem Bereich ausserhalb unserer Comfort Zone arbeiten – aber nicht so weit, dass wir nicht mehr verstehen, was passiert.

Das mag frustrierend klingen, ist auf der anderen Seite aber auch eine gute Nachricht: jeder würde es machen, wenn es Spaß machte. Man unterscheidet sich bereits von der Masse, einfach weil man es macht. Die Freude empfinden wir dann, wenn wir es dann geschafft haben – late gratification – um dann die nächste Challenge zu suchen.

Dazu kommen noch Erkenntnisse, dass Performer ab einem bestimmten Level eine andere Wahrnehmung der Dinge haben. Das sind dann die Tennis-Spieler, die beim Aufschlag des Gegners nicht auf den Ball, sondern auf den Spieler achten, die Feuerfehrleute, die Anhand eines Bildes den Verlauf eines Brands voraussagen können. Die Pianistin, die nicht jede einzelne Note hört, sondern Akkorde, Kadenzen und co. Schachspieler, die eine Situation in Bereiche unterteilen etcpp. Kurz: das Ausblenden von unwichtigen Informationen, um schneller die wichtigen Informationen zu sehen kennen die meisten vermutlich aus ihrem Beruf.

Bei mir ist es zum Beispiel die Fähigkeit Code und Dokumentation so zu lesen, dass ich schnell verstehe was er macht oder die für mich relevanten Informationen herauszuziehen, ohne alles gelesen haben zu müssen. Und dann funktioniert’s nicht, weil ich einen Satz übersehen habe, der etwas wichtiges enthalten hat und ich war den ganzen Tag mit Debugging beschäftigt und ja… nun.

Ein Kapitel des Buches geht auch auf Innovation ein. Also wenn ein Top-Performer den Bereich weiterbringt. Innovation sei nichts, was sich spontan ergibt, sondern sei etwas das wachse und aus der Kombination verschiedener, existierender Kenntnisse entstehe.

Ein weiterer Teil beobachtet wie man das ganze Konzept auf Firmen passt. Nachdem man das Vorherige alles gelesen hat, ist hier wenig überraschendes: wenn eine Firma ihre angestellten weiterbringt, bringt es die Firma weiter. Überraschend ist nur, dass das die wenigstens Firmen wirklich machen.

Im letzten Kapitel geht es dann um die Frage, warum sich manche Menschen das Prinzip der Deliberate Practice antun, und andere nicht. Woher kommt die Leidenschaft? Ist die vielleicht angeboren? Nein. Er beschreibt intrinsische und extrinsche Motivatoren, die dazu führen, dass man Leidenschaft für etwas entwickelt oder entwickeln kann.

Beim Schreiben fällt mir nun auf, dass sich das ganze zwar oberflächlich gut zusammenfassen lässt, aber Geoff Colvin das ganze mit einem ganzen Haufen von wirklich interessanten Studien untermauert – der Quellennachweis ist 11 Seiten lang, was bei 200 Seiten Inhalt schon beachtlich ist.

Das Buch liest sich sehr angenehm und sachlich, ganz ohne Übertreibungen, rhetorische Fragen oder… Anekdoten *schauder*.

Ich werde es jetzt noch ein wenig Sscken lassen und vielleicht mal lesen was andere von dem Buch halten, das für mich potentiell die Nr. 1 Empfehlung für das Thema werden könnte.

In dem Buch wird unter Anderem auch „Flow: The Psychology of Optimal Experience“ von Mihaly Csikszentmihalyi erwähnt, das mir in ähnlichen Büchern schon häufiger untergekommen ist.

Das Konzept von Flow, das unter Entwicklern auch gerne mal „Tunnel“ genannt wird, beschreibt den Zustand einer Person, den sie hat, wenn eine Herausforderung genau auf den Skill der Person passt. Nicht zu einfach, um langweilig zu sein und nicht zu schwer um frustrierend zu sein.

Das Buch Flow wanderte nun endgültig in meinen Warenkorb und wird demnächst bestellt.

Fazit

Ich habe bereits einige Bücher gelesen, die grob in die Richtung von Talent is Overrated gehen, trotzdem war viel neues für mich dabei, weil sich bisherige oft von Anekdote zu Anekdote hangelten. Auch ist dieses Buch angenehm Kurz und lässt dabei trotzdem kein Thema aus und geht trotzdem ausreichend in die Tiefe. Es gibt keine konkreten Alltags-Tipps nach dem Schema „You should do this and you’ll be successful“ aber die ganzen Beobachtungen geben einem schon eine Richtung vor, wie man die Dinge angehen sollte, wenn man gut werden möchte.

Daher ist es sehr wahrscheinlich meine neue Go-To Empfehlung für derartige „git gud“-Bücher.

★★★★★

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Durchgelesen: Kreativität und Selbstvertrauen

Der Schlüssel zu Ihrem Kreativbewusstsein.

Mir fällt es schwer das Buch zu bewerten, da ich mich mit dem Thema Kreativität in den letzten 10 Jahren sehr viel beschäftigt habe und vieles, was das Buch vermittelt, mitlerweile als selbstverständlich empfinde.

Für Leute allerdings, die noch glauben sie oder er sei unkreativ und überzeugt, dass Kreativität eine magische Sache sei, mit der man geboren werde – oder eben nicht – für die oder den ist das Buch eine gute Lektüre. Denn es ist vor allem eine Anekdoten-Sammlung, die beweisen soll, dass jeder Kreativität lernen kann. Darauf ist das Selbstvertrauen im Titel bezogen.

Die Anekdoten sind in der Regel nach dem typischen „self-help“ Schema: Firma hat ein Problem, Person A hielt sich für unkreativ, Person A besuchte den Workshop/Schule oÄ der Autoren Person A probierte Design Thinking und kreatives Problemlösen in der Firma aus, Firma hat irgendeine Art von Erfolg! Und das ist gar nicht so Zynisch gemeint, wie es klingt. Ich bin nur übersättigt mit dieser Form und eindeutig nicht Zielgruppe des Buches.

Auch ist das Buch zwar schon nicht sonderlich lang, keine 300 Seiten, wenn man den Anhang weglässt, aber 2/3 der Länge hätten auch gereicht, denke ich. Am Ende gibt es dann noch ein paar Anregungen, wie man in seiner eigenen Firma ein bisschen kreatives denken fördert. Stellenweise nervt das Bewerben ihrer design school und allem.

3/5